Neue Typen

Autor: Jette Eva Madsen
englische Übersetzung von Martin Kristensen, in Zusammenarbeit mit Paula Swepston
deutsche Übersetzung: Rita Walker
der Originalartikel in dänischer Sprache wurde im 'Huldrekatten 01/05' veröffentlicht.

Ein Artikel über die Entwicklung des Typs bei Norwegischen Waldkatzen

Von allen Fragen, mit denen ich anlässlich meiner Tätigkeit als Richterin immer wieder konfrontiert werde, taucht eine zentrale Frage immer häufiger auf. Diese lautet in etwa wie folgt: "Wir wissen bald einmal nicht mehr, wie unsere Katzen aussehen sollen"??? Noch letztes Jahr legten die Richter Wert auf lange Köpfe und einen schmalen Typ - nun aber plötzlich behaupten sie, dass unsere Katzen zu schmal sind. Was ist hier passiert ?

Betrachten wir einmal die Mechanismen, welche die Entwicklung dieser Rasse beeinflusst haben.

Während der letzten 10 Jahre musste der NFO-Standard eine Vielzahl von Veränderungen und Wechseln über sich ergehen lassen. Noch vor zehn Jahren mussten wir weder Maine Coon noch die Türkisch Angora in Betracht ziehen. Zu dieser Zeit war der Spielraum im Hinblick auf den Typus der Waldkatze weitaus grösser, da Kriterien wie z.B. eine dreieckige contra eine quadratische Schnauze - ein langer contra einem kurzen Körper - und kräftige contra elegante Beine noch nicht ausschlaggebend für die Trennung der verschiedenen Rassen waren. Sie A l l e wurden als Norwegische Waldkatzen eingestuft. Mag sein, dass einige Katzen vielleicht als typvoller eingestuft wurden als wiederum andere, aber es bestand niemals ein Zweifel daran, dass es sich hierbei um eine Waldkatze handelte. Wie dem auch sei, heutzutage hat die Maine Coon auf der einen Seite ein 'dickes Stück' vom Kuchen des Standards rausgebissen - und die Türkisch Angora hat das andere Stück angeknabbert! Bald einmal gewann die Tatsache an Bedeutung, dass eine Waldkatze keine quadratische Schnauze haben sollte, da dies ein typisches Merkmal der Maine Coon ist. Demzufolge existieren in heutiger Zeit eine gewisse Anzahl Katzen, welche soviele charakteristische Attribute ihrer Herkunft sprich Zucht aufweisen, sodass es äussert schwierig ist, ohne Einsichtnahme in deren Stammbäume, mit Sicherheit bestätigen zu können, ob es sich um eine Maine Coon oder aber Waldkatze handelt. Natürlich hat diese Entwicklung die Vermehrung der Waldkatze erschwert, da wir nunmehr mit viel strengeren Grundsätzen konfrontiert werden bezüglich dessen, was aus züchterischer Sicht nun erlaubt oder aber nicht zulässig zu sein scheint.

Erschwerend dazu kommt, dass sich die Waldkatze ständig weiterentwickelt hat. Diese Entwicklung wurde durch die Maine Coon stark beeinflusst - eine Zucht, die seit ihrer Existenz mannigfaltige Veränderungen erlebt hat. Zu Beginn gab es lediglich einen groben Unterschied zwischen den Köpfen einer Maine Coon und einer Waldkatze. Bezeichnend dafür war, dass ein gerades Norweger-Profil bei einer Maine Coon nicht erlaubt war. Die Waldkatze wies einen viel längeren Kopf, mit einer schmaleren und weitaus dreieckigeren Schnauze auf. Wie dem auch sei, mit der Zeit konnte man beobachten, dass sich gute Maine Coon's so entwickelten, dass sie längere Köpfe als Waldkatzen bekamen - parallel dazu wurde das Profil immer gerader. Plötzlich ist es nunmehr bei einer Norwegischen Waldkatze nicht mehr von Bedeutung, dass sie einen längeren Kopf hat, um sich damit von der Maine Coon unterscheiden zu können. Tatsächlich ist nun das Gegenteil der Fall und dies scheint offensichtlich der Grund zu sein, warum wir zu unseren ursprünglichen Wurzeln zurückkehren, nämlich zu den 'altgeformten', geradeseitigen und dreieckigen Köpfen. In ähnlicher Weise veränderte sich die Platzierung der Ohren. Früher war es wichtig, dass die Ohren der Waldkatze hoch oben am Kopf angesetzt waren. Diese Tatsache erschien derartig wichtig, dass man darüber beinahe die im Standard verankerte Vorgabe vergass, welche verlangte: "Dass die äusseren Ecken der Ohren an den Wangen-Linien entlang zum Kinn zu verlaufen haben." Dies spielte sich in jener Zeit ab, als sich die Maine Coon noch mit sehr tief angesetzten Ohren präsentierte. Der neue Typus der Maine Coon hingegen sollte hoch angesetzte Ohren aufweisen. Aufgrund dieses neuen Aussehens der Maine Coon wurde der NFO-Standard geändert und die Aussage bezüglich der hochplazierten Ohren gestrichen. Heutzutage wünschen wir uns nunmehr eine Waldkatze, deren Ohren plaziert sind, wie dies 10 Jahre zurück der Fall war.

Ein weiteres, durchaus relevantes Beispiel finden wir bei der Türkisch Angora. Bei dieser Katze wird ein süsser Ausdruck verlangt. Blicken wir zurück in die Vergangenheit der Waldkatze, vor allem bei gewissen Linien, so stellen wir fest, dass viele von ihnen ebenso 'süss' aussahen. Um jedoch das Schwergewicht auf einen sogenannt "wilden" Ausdruck zu legen, wurde nun der Standard dahingehend geändert. Erneut kann nun eine Rückkehr zu unseren Ursprüngen festgestellt werden mit einer neuerlichen Betonung desjenigen Katzentypus, wie wir ihn bereits im Jahre 1976 kannten. Vermutlich hätte diese Wandlung auch ohne Inbezugnahme der Maine Coon und der Türkisch Angora stattgefunden. Eine leichte Anpassung an einen neuen Standard ist durchaus normal, da mehrere Jahre an Zuchterfahrung notwendig sind, um aufzuzeigen, wie dieser Standard angewandt oder aber interpretiert werden sollte.

Der andere, ausschlaggebende Mechanismus, werlche den Weg bestimmt, in welche Richtung sich eine Zucht entwickelt, liegt in der Selektion von Zuchtkatzen und steht im Zusammenhang mit der jeweiligen vom Züchter getroffenen Auswahl. Nehmen wir z.B. eine gewisse Anzahl von grossen, kräftigen Waldkatzen mit einem Durchschnittsgewicht des Katers von rund 6,5kg der gleichzeitig über gutes, kräftiges Deckhaar verfügt. Die Aussenlinie des Körpers ist verschwommen resp. unscharf und neigt zu einer gewissen Ausdehnung, ebenso was die Länge und die Höhe anbetrifft, und diese Katzen verfügen über breite, mittelmässig lange Köpfe. Im Vergleich dazu erscheint eine schlankere Katze mit längerem Kopf und eventuell kürzerem Deckhaar viel länger und präsentiert sich weitaus eleganter und wird demzufolge besser bewertet. Züchter werden daher nach Zuchtkatzen Ausschau halten, die diesem erwähnten Ideal entsprechen und werden einen derartigen Kater oftmals für ihre Zuchtzwecke einsetzen. In der nächsten Generation alsdann werden sie diese Linie weiterverfolgen und die Richter werden begeistert ausrufen: "Bravo" - was für eine gutgebaute, hübsche Katze"! Gehen wir nun nochmals eine Generation weiter wird der Züchter total frustriert sein, wenn der Richter desse Katzen als: "Zu elegant und deren Köpfe im Verhältnis zum Umfang als zu lang bewertet werden. Des weiteren wird dann die Richter die Qualität des Deckhaares bemängeln und das Fell als zu kurz einstufen und den Züchter darauf hinweisen, dass ein Kater unbedingt ein Gewicht von mehr als 5kg aufweisen sollte"! Für diejenigen Züchter, die über mehrere Jahre hinweg daran gearbeitet haben, längere Köpfe sowie längere und elgantere Katzen heranzuzüchten, wird eine derartige Beurteilung absolut unverständlich sein. Das Problem besteht ganz allein darin, dass es für alles seine Grenzen gibt. Sämtliche Richter besitzen in sich die Vorstellung von einer gutgerundeten Katze, sobald aber diese Merkmale eines Allround-Typs überschritten werden und die Zuchtmerkmale langsam verschwinden, werden entsprechend negative Äusserungen seitens der Richter, ungeachtet dessen wie lange auch immer der Kopf sein mag, nicht lange auf sich warten lassen.

Wo stehen wir heute also ? Während der letzten Jahre haben wir vermutlich alle versucht, Katzen mit langen Köpfen resp. Köpern und grossen Ohren heranzuzüchten. Wir haben uns mit einem etwas kürzerem Deckhaar begnügt, als dies usprünglich der Fall war - ebenso hat sich das Aussehen stark verändert. Es zeichnet sich eine Tendenz zu schmaleren und/oder mandelförmigeren Augen ab und gleichzeitig wurden die Köpfe länger. Dies ist durchaus eine normale Entwicklung, da verständlicherweise für grosse Augen nicht genug Platz in einem langen schmalen Kopf ist. Es ist immer wieder dasselbe. Nachdem ich nunmehr seit vielen Jahren sowohl Waldkatzen besitze und auch züchte, stelle ich fest, dass wir immer am selben Punkt angelangen.

Die Entwicklung einer Zucht kann als eine Art Kreis resp. Zyklus umschrieben werden. Immer wieder zu einer bestimmten Zeit, finden wir uns wieder irgendwo in diesem Kreis. Zur Zeit ist die Entwicklung einer Durchschnitts-Waldkatze an demjenigen Punkt angelangt, wo sich die Katzen lang, elegant, aber ein wenig schmal präsentieren. Es ist nicht das erste Mal, dass wir an diesem Punkt angelangt sind - jedoch können sich viele von uns nicht mehr daran erinnern, dass wir schon einmal soweit waren.

Verfolgen wir die Entwicklung der Waldkatze während der letzten 15 Jahre in Dänemark, so stellen wir fest, dass wir mit einigen starken, ziemlich massiv-gebauten Katzen, die eine mittelmässige Länge aufwiesen und über ein starkes/schweres Deckhaar verfügten, anfingen zu züchten. In der Mitte der 80er Jahre tauchten langsam Katzen auf, die sich durch ein eleganteres Auftreten auszeichneten. Sie waren länger und verfügten über kürzeres Deckhaar. Über eine gewisse Zeit hinweg erfreute sich dieser Typus grosser Beliebtheit und auch in der Zeit danach galt es wiederum als absolut 'in', eine grosse und starke Waldkatze mit einer Unmenge an Fell zu besitzen. Nun schreiben wir das Jahr 1995 und während den vergangenen Jahren sahen wir immer mehr und mehr dieser langen, schmalen Katzen. Aber... eine erneute Trendwendung ist in Sicht! Sowohl Züchter wie auch Richter bevorzugen den grossen, starken Typus mit schwerem Deckhaar.

Die Frustration der Züchter im Hinblick auf die ständigen Veränderungen des Standars sind durchaus verständlich. Wie dem auch sei, wir müssen unserer Vorstellung von einer guten und ausgewogen gebauten Katze treu bleiben und unbedingt versuchen, uns weniger von den jeweiligen "Modetrends" beeinflussen lassen. Wir müssen uns nicht mit dem Gedanken befassen, unseren Zuchtbestand auswechseln zu wollen, bloss weil diejenigen Katzen, die momentan die sogenannten "Gewinner" sind, ganz anders aussehen, als diejenigen welche wir zu Hause haben. Es ist wichtig, dass Sie ihre Ziele definieren und auch an diesen festhalten - auch wenn es scheint, dass sich dies Zucht in eine neue Richtung entwickelt. Es ist eine Tatsache, dass Züchter, welche etwas Neues kaufen - nur weil sie glauben, das was sie bereits besitzen nicht mehr gut genug ist - in der Regel weit weniger Erfolg haben, als diejenigen Züchter, welche mit ihrem bestehenden Bestand langsam versuchen etwas aufzubauen, unter Inbezugnahme, von neuem, genetischem Material wie etwa z.B. mittels einer Auswärtsdeckung und nur gelegentlichen Käufen. Ebenso schlecht ist die Idee, zu viele Katzen mit einem krassen und zu verschiedenartigen genetischen Hintergrund beschaffen zu wollen. Wenn Sie versuchen, zuviele Dinge gleichzeitig machen oder verändern zu wollen, so werden Sie keine Zeit mehr haben, um Ihr Zuchtmaterial wirklich gut kennenlernen zu können und haben somit keinen Überblick mehr. Erschwerend dazu muss festgehalten werden, dass Katzen mit einem zu verschiedenartigen Typus und genetischem Hintergrund oftmals Würfe mit variabler und generell schlechterer Qualität erbringen

 

schmale. elegante Katzen mit langen, schmalen Köpfen

 

Gute 'Allrounder'-Katzen mit einer guten Länge, starkem Körper und einem hübschen, dreieckigen Kopf

 

diagramm

Gute 'Allrounder'-Katzen mit einer guten Länge, starkem Körper und einem hübschen, dreieckigen Kopf

 

 

 

Betrachten wir in Dänemark über Jahre hinweg die Entwicklung der Norwegischen Waldkatze, so stellen wir fest, dass wir mit der Zeit bereits zweimal den sogenannten Entwicklungskreis- reps. Zyklus umlaufen haben. Begonnen haben wir 1980 mit grossen, starken Katzen und arbeiteten uns hin zu einem längeren Typus, dies nur, um 1984 feststellen zu müssen, dass sich dieser nunmehr als zu elegant erwies. Im Jahre 1988 warteten wir erneut mit grossen, starken Katzen auf und versuchten ein weiteres Mal längere und elegantere Exemplare heranzuzüchten. Heute nun, finden wir uns ungefähr in der Mitte der Seite des Kreises, d.h. wir verfügen über sogenannte gute Allrounder-Katzen. Idealerweise sollten wir natürlich versuchen, immer irgendwo innerhalb des Bereiches zu bleiben. Aber wie sowohl die Zeit als auch die Zuchterfahrung zeigt, so ist es doch mehr oder weniger unmöglich, grössere Bewegungen im Hinblick auf den Typus vermeiden zu können.