Die neuen Farben amber & light amber -
Geschichte, genetischer Hintergrund & Anerkennung

Quelle:  Katzen extra 9/2004 (Herausgeber: Symposion Verlag)
Autor: Dr.vet. Frank W. Langewische

Seit 1992 gibt es sie nun, die neuen Farben (oder genetisch besser: Muster) bei der Norwegischen Waldkatze. Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Kontakte mit diesem Phänomen. Es war Ende der 90er-Jahre, als wir nach dem Tode unserer ersten Norwegerin "Jamie" eine neue Katze suchten. In den zahlreichen Anrufen bei Züchtern wurden wir belehrt, dass es da Norweger gäbe, die eigentlich keien richtigen Norweger sehen, in einer Farbe, die zeigen würde, dass da sinnlos irgendetwas eingekreuzt wurde........

Man warnte uns vor den Züchtern von Norwegern in diesen neuen Farben, da sie auch Erkrankungen mitbrächten, die es vorher nicht in dieser Rasse gegeben habe, was diese Züchter billigend in Kauf nehmen. Aber wie das so ist im Leben: Wenn man etwas nicht machen soll, wird man erst recht neugierig. Daher begann ich, mich für diese ungewöhnlichen Tiere zu interessieren, zumal wir mittlerweile auch selber mit der Zucht Norwegischer Waldkatzen begonnen hatten. Doch zunächst noch einmal ein kurzer historischer Rückblick:

1992 fing es an

Im Jahr 1992 wurden in Schweden im Zwinger Wildwood's Welpen in einer Farbe geboren, die sich genetisch nicht durch die ElternWildwood's Imer, Foto: Monika Binder erklären ließ, Wildwood's Imer (Zuchtbuchnummer (S)Sverak 87869 K) und Wildwood's Iros (Zuchtbuchnummer (S)Sverak 878868 K). Auch in Deutschland gab es 1994 im Zwinger av Takeskog Welpen in einer ungewöhnlichen Farbe, z.B. Bedellin av Takeskog (Zuchtbuchnummer (D)DEKZV 205042). Unter den gemeinsamen Vorfahren dieser beiden Würfe befanden sich die Katzen Kløfterhagen's Babuschka (Zuchtbuchnummer (N)NRR K 50751) und Niro's Dunder (Zuchtbuchnummer (N)NRR K 51300). Kløfterhagen's Babuschka geht in direkter Linie auf Pan's Truls, den Stammvater nahezu aller Norwegischen Waldkatzen zurück. Zunächst ging man davon aus, es handele sich um die Farben Chocolate, bzw. Lilac. Mitte der 90er-Jahre ging man dann dazu über, diese Farben als Cinnamon, bzw. Fawn anzusprechen. Da alle diese Farben bei der Rasse NFO in der FIFè nicht anerkannt waren, wurden die Farben dieser Katzen nach dem EMS-Code als X-Farben bezeichnet. Eine Anerkennung blieb damals nicht zuletzt aus, da namenhafte NFO-Züchter und Richter der Meinung waren, diese Farben könnten nur durch Einkreuzung fremder Rassen (z.B. Somali) in der NFO-Population erzeugt worden sein. Eine These, die bei einer Rasse, in der bei heutigen Zuchtkatzen zum Teil noch Novizen im Stammbaum sind, sowieso fraglich war. Jedenfalls fürchtete man sich durch die vermeintliche Somalieinkreuzung, deren genetische Krankheitsdispositionen (PRA, Patellaluxation u.a.) in die NFO-Population einzubringen.

Testverpaarungen bewiesen, es sind neue Farben

Da ich beruflich umfangreiche Erfahrung in Genetik sammeln konnte, war ich nach Studium zahlreicher Stammbäume dieser wunderschönen Tiere schnell der Meinung, dass die bis dahin postulierten Farben der rezessiven B-Allele (Chocolate, Lilac, Cinnamon, Fawn) nicht die Ursache der neuen Farben sein konnten. Bestärkt wurde ich in meiner Meinung auch durch Gespräche mit Genetikern der Justus-Liebig-Universität Gießen. Jedoch brachte auch eine eindeutige Testverpaarung in Skandinavien mit einem Somalikater in Fawn die Kritiker nicht zur Einsicht, obwohl die rezessiven B-Allele dadurch bereits eindeutig ausgeschlossen wurden. In Skandinavien und in den Niederlanden bgeann man vielmehr, dem "Problem" der Anerkennung anders entgegenzutreten. Man registrierte die Katzen als golden, welches in der FIFe bei der Rasse NFO bereits anerkannt war, und schon konnte man Titelpunkte erringen. Diese Vorgehensweise war nicht nachvollziehbar, da die neuen Farben der NFO bereits in Kombinationen mit Silber vorkamen.

Kalahari vom Arlesbrunnen, Foto: Christa Utescheny Der Zuchtausschuss und der Gesundheitsauschuss des 1.DEKZV e.V. beschlossen daraufhin, zusammen mit interessierten Züchtern erneute, gezielte Testverpaarungen zu planen und durchzuführen. Frau Christa Utescheny (Zwinger v. Arlesbrunnen) wurde eine Testverpaarung zwischen einem Birmakater in Chocolate-Point (Orlando vom Dürrleberg, SBI-b, Zuchtbuchnummer (D)DEKZV LO 264480) und einer so genannten Norwegischen Waldkatze in "Cinnamon-Getupft" (neue Farbe, Kalahari vom Arlesbrunnen, NFO-xo-24, Zuchtbuchnummer (D)DEKZV RX 265955) genehmigt. Es wurden nur schwarz und blau getigerte bzw. gestromte Kätzchen geboren. Daher konnte mit dieser Testverpaarung erneut definitiv ausgeschlossen werden (siehe Tab.1), dass es sich bei den neuen Farben der NFO um Farben der rezessiven B-Allele (Chocolate, Lilac, Cinnamon, Fawn) handelt.  Es stand also nun fest: Die Norwegische Waldkatze "Kalahari v. Arlesbrunnen" ist genetisch schwarz (B_). Um das Zusammenspiel des b-Allels (chocolate), des cs-Allels (Maskenfaktor) und des Allels für die neuen Farben zu untersuchen, wurde Frau Christa Utescheny eine weitere Testverpaarung genehmigt und von ihr durchgeführt. Hierzu wurden die Vollgeschwister Orlandos'B v. Arlesbrunnen, männlich, XLH-n-22, Zuchtbuchnummer (D) DEKZV RX 285134, und O.'S Tibeth v. Arlesbrunnen, weiblich, XLH-n-22, Zuchtbuchnummer (D) DEKZV RX 285136, aus der bereits genannten Testverpaarung (siehe Tabelle 1) miteinander verpaart. Aus dieser Verpaarung fielen fünf Jungtiere (siehe Tabelle 2). Aufgrund der gezeigten Farben der Welpen konnten die folgenden Aussagen über die neuen Farben gemacht werden: Die beiden Elterntiere der 2. Testverpaarung trugen das Chocolate-Allel (b), das Schwarz-Allel (B) und das Allel für die neuen Norweger-Farben paralell, was erneut bestätigt, dass es sich bei dem Allel für die neuen Norweger-Farben nicht um ein bekanntes Allel der B-Reihe handeln kann. Außerdem trugen beide Elterntiere der Testverpaarungen den Maskenfaktor (cs), was zu einer Katze in Seal-Point-Tabby+Weiß in der Nachkommenschaft führte. Erstaunlich war, dass sowohl bei der Katze in Seal-Point-Tabby+Weiß als auch bei zwei weiteren Welpen (siehe Tabelle 2) dieser Weißanteil (z.T. mit Sporen) gezeigt wurde, da die beiden o.g. Elterntiere dieser Verpaarung am ganzen Körper keinerlei Weiß aufwiesen. Aufgrund des eingesetzten Birmakaters als Vater der 1. Testverpaarung (Orlando vom Dürrleberg) und der gezeigten Sporen bei den genannten zwei Welpen aus der 2. Testverpaarung ist davon auszugehen, dass es sich dabei um das Birma-Weiß handelt.
Schließlich war es so weit: Am 18.01.2004 fand in Wiesbaden die Anerkennungsausstellung statt. Es gab dort wunderschöne typvolle Norweger zu sehen, was auch die JLO-Kommission der FIFé in ihrem Bericht bestätigte.
Genetisch gab es bei der Kommission jedoch noch Zweifel bezüglich der Existenz von Non-Agouti-Tieren in den neuen Farben, obwohl der Kater "Aragon aus Broetzingen" in Wiesbaden auf der Ausstellung gezeigt wurde. Dieser Kater zeigt im Gegensatz zu den anderen Tieren in den neuen Farben einen dunklen Nasenspiegel, dunkle Fußballen und eine sehr schwache (Geister-) Zeichnung. In der letzten Zeit gab es bereits immer wieder Gerüchte über Katzen in Deutschland und den Niederlanden, die aus Verpaarungen zwischen Norwegischen Waldkatzen in den neuen Farben hervorgingen, aber nicht so aussahen.

Tabelle 1:Annahmen & Ergebnisse der ersten Testverpaarung
Annahme 1
Elterntiere Orlando vom Dürrleberg
männlich
Kalahari v. Arlesbrunnen
weiblich
Farbe chocolate-point cinnamon-getupft (vermutet)
Allele der B-Reihe bb b1b1
Nachkommen

bb1

Annahme 2
Elterntiere Orlando vom Dürrleberg
männlich
Kalahari v. Arlesbrunnen
weiblich
Farbe chocolate-point chocolat-getupft (vermutet)
Allele der B-Reihe bb bb
Nachkommen

bb (phänotypisch chocolate bzw. lilac)

Tatsächlich gefundene Konstellationen
Elterntiere Orlando vom Dürrleberg
männlich
Kalahari v. Arlesbrunnen
weiblich
Farbe chocolate-point neue Farbe getupft
Allele der B-Reihe bb B_
Nachkommen

bB (phänotypisch schwarz bzw. blau)

Tabelle 2: Ergebnisse der zweiten Testverpaarung
Elterntiere
Orlandos'B v. Arlesbrunnen
männl., schwarz-gestr.
XLH-n-22
(D) DEKZV RX 285134
O.'STibeth v. Arlesbrunnen
weibl., schwarz-gestr.,
XLH-n-22
(D)DEKZV RX 285136
Allele der B- und C-Reihe Allele der B- und C-Reihe
Bb      Cç Bb     Cç
Welpen
Buffalo-Bill v. Arlesbrunnen
männl., schwarz-gestromt
XLH-n-22
(D) DEKZV RX 296427
Bonsai v. Arlesbrunnen
männl., schwarz-gestromt
XLH-n-22
(D) DEKZV RX 296428
Allele der B- und C-Reihe Allele der B- und C-Reihe
B_      C_ B_     C_
Belami v. Arlesbrunnen
männl., seal-point-tabby+weiß
XLH-n-09-33-64
(D) DEKZV RX 296429
Batik v. Arlesbrunnen
weibl., cinnamon-gestromt+weiß
XLH-0-09-22
(D) DEKZV RX 296430
Allele der B- und C-Reihe Allele der B- und C-Reihe
B_     çç B_     C_
Bellamocca v. Arlesbrunnen
weibl., chocolate-weiß
XLH-b-09
(D) DEKZV RX 296431
Allele der B- und C-Reihe
bb    C_

Nonagoutis, aber nicht auf den ersten Blick

Valentin vom Arlesbrunnen, Foto: Christa UteschenyUm zu zeigen, dass diese Tiere eventuell Non-Agouti Tiere in den neuen NFO-Farben sind, wurde bereits im Vorfeld der Anerkennungsshow eine dritte Testverpaarung durchgeführt zwischen dem Kater Aragon aus Brötzingen, männlich, registriert als schwarz-silber-getigert (diese Farbe ist es definitiv augenscheinlich beim erwachsenen Tier nicht), NFO-ns-23, (D) DEKZV RX 286842, und der Katze Cassandra av Lysøen, weiblich, schwarz-weiß, NFO-n-09, (N) NRR LO 124184. Aus dieser Testverpaarung fielen nur Nackommen in Non-Agouti, weshalb der Verdacht erhärtet wurde, dass dieser Kater ein Non-Agouti-Tier in den neuen Farben ist. Vor allem über diesen Punkt wurde nach der Anerkennungsausstellung weiter hitzig diskutiert. Die ursprünglich vorgeschlagenen Namen und EMS-Codes stießen in skandinavischen Ländern zudem auf wenig Gegenliebe. Man konnte sich aber recht schnell auf die neuen Bezeichnungen Amber und Hellamber verständigen. Also blieb noch die Frage der Existenz von Non-Agoutis übrig, zu deren Beantwortung wir Schützenhilfe aus Schweden bekamen. Im NFO-Breed-council der FIFé wurden Fotos eines Norwegerwurfes veröffentlicht, dessen Elterntiere eindeutige Non-Agouti-Tiere sind und zahlreiche nachgewiesene Trägertiere für die neuen Farben im Stammbaum haben. Zwei der Nachkommen, die genetisch eindeutige Non-Agouti-Tiere seien müssen, zeigen ein identisches Farbphänomen wie der mutmaßliche Non-Agouti-Kater in den neuen Farben aus Deutschland "Aragon aus Brötzingen". Mit diesem Wissen wagten wir den entscheidenden Schritt: Die Beantragung der neuen Farben im Rahmen der FIFé-GV in Portugal. Im Vorfeld der FIFé-GV wurde im NFO-Breed-council eine Abstimmung vorgenommen, in der sich eine Mehrheit für weitere, von dänischen Züchtern vorgeschlagene Testverpaarungen aussprach. Nach unserer Meinung hätte dieses jedoch die Anerkennung ohne wesentlichen Erkenntniszuwachs entscheidend verzögert, weshalb wir den Antrag aufrecht erhielten. Also machten wir uns Ende Mai auf den Weg nach Portugal.

"Das Wunder von Portugal"

Eine Chance, so unkten viele Leute im In- und Ausland, hatten wir eigentlich nicht, aber die wollten wir nutzen. Ich hatte einen wissenschaftlichen Vortrag über die Genetik der neuen Farben vorbereitet, den ich am Mittwoch, den 26.05.2004, in der Sitzung mit dem Kommissionen halten wollte. In der Sitzung war dann allerdings nur wenig Zeit, so dass ich lediglich die Gelegenheit bekam, die Grundzüge der Genetik dem Auditorium mündlich darzustellen. Anschließend wurde lebhaft diskutiert. Am Ende stimmte die zuständige Kommission mit fünf Ja-Stimmen und zwei Enthaltungen für unseren Antrag, nachdem noch wenige Details modifiziert worden waren.
Am Freitag, den 28.05.2004, ging es dann in der Generalversammlung um alles oder nichts. Die Tagesordnung zog sich in die Länge, so dass unser Antrag erst am Abend an die Reihe kam. Wesentlich neue Argumente der Befürworter und der Gegner gab es keine mehr. Eigentlich waren die Positionen seit längerer Zeit klar abgesteckt, so dass nach ca. einer halben Stunde Diskussion, die uns wie eine Ewigkeit vorkam, endlich abgestimmt wurde. Als der FIFé-Präsident Eric Reijers das Ergebnis (16 Ja-Stimmen, 9 Nein-Stimmen, 3 Enthaltungen) bekannt gab, war der Jubel der Befürworter unermesslich. Schließlich gab es das obligatorische Erinnerungsfoto der Beteiligten, natürlich mit den Hauptdarstellern (den drei mitgereisten Norwegern in Amber), der deutschen Delegation und der FIFé-Ehrenpräsidentin Alva Uddin, die sich bis zuletzt ebenfalls sehr für die Anerkennung der neuen Farben engagiert hatte. Asl nach 21:00 Uhr die GV beendet war, wurde natürlich kräftig bis in den frühen Morgen gefeiert. Das Aufstehen am nächsten Tag und die Fahrt zum Flughafen fielen entsprechend schwer, aber es hatte sich ja gelohnt. Nun freuen wir uns sehr darauf, im nächsten Jahr die ersten LO-Stammbäume in den Händen halten zu können und endlich mit diesen wunderschönen Tieren auf Titeljagd gehen zu dürfen. In der FIFé heißen die neuen Farben wie bereits oben erwähnt, Amber und Hellamber. Die Farbbeschreibungen sind auf der Homepage der FIFé nachzulesen. Die Farbcodes sind analog zu den bestehenden Farben zu bilden, wobei dem jeweiligen EMS-Code ein t hinzugefügt wird. Eine Katze in Amber-Tabby-Mackerel hat z.B. den EMS-Code NFO-nt-23. Die Farben sind in die entsprechenden Gruppen einzuordnen und zu richten. Wir danken allen, die in den letzten Jahren immer an die Anerkennung geglaubt haben, und für die all die Mühen, die auf sich genommen wurden, um schließlich das kleine Wunder Portugal zu ermöglichen.